Besuch einer Schule in Kibera, dem größten Slum Afrikas
Vor ein paar Tagen habe ich eine Schule in Kibera besucht.
Kibera ist der größte Slum in Afrika mit einer Einwohnerzahl von bis zu einer Million Menschen, wobei die genaue Einwohnerzahl nicht bekannt ist. Laut einer Zählung sind es "nur" 200 000, es gibt jedoch viele Leute, die an diesen Daten zweifeln. In den meisten Teilen Kiberas gibt es keinen Strom, kein fließend Wasser und keine Toiletten oder Duschen. Die Verschmutzung durch Abwasser, Abfälle und Fäkalien ist so groß, dass es eine sehr hohe Krankheitsrate gibt.
Ich habe zuvor schon einiges über Kibera gehört, nämlich, dass es dort sehr gefährlich ist - vor allem für Touristen. Dass die Kriminalität sehr viel höher als in anderen Stadtvierteln ist usw. Deshalb hatte ich schon ein wenig Angst, als ich beschloss, eine Schule dort zu besuchen. Über Instagram bin ich auf eine Schule aufmerksam geworden, die von einer Frau, ihrem Sohn und ihrer Tochter geführt wird. Ich habe mit dem Sohn, Ben, Kontakt aufgenommen und er hat mich sofort zu einem Besuch eingeladen. Davor habe ich mich bei den Sozialarbeitern des Waisenhauses erkundigt, als wie gefährlich sie meinen Besuch im Slum einstufen. Sie klärten mich über einige Sicherheitsmaßnahmen auf (welche Tasche ich verwenden und wie ich sie tragen soll, dass ich mit dem Taxi hin und wieder zurück fahren und auf keinen Fall alleine herumgehen soll etc.). Trotzdem war ich extrem nervös. Nicht nur, dass ich Angst hatte, überfallen zu werden, sondern ich hatte auch die Sorge, dass ich den Anblick des Lebens im Slum nicht ertragen könne. Vor allem dem der Kinder...
Trotzdem machte ich mich am Donnerstag am Vormittag auf den Weg nach Kibera. Nach einer einstündigen Taxifahrt war ich endlich da. Ich traf mich mit Ben in einem Café und er erklärte mir einiges über die Schule namens "Inua Mimi Rescue Center". Seine Mutter, Paschalia, selbst Alleinerziehende von 8 Kindern, gründete die Schule vor 16 Jahren. Angefangen hatte es damals damit, dass sie auch andere Kinder mit Essen versorgte, die hungrig auf der Straße lebten oder deren Eltern nicht für sie sorgen konnten. Als irgendwann immer mehr Kinder kamen, beschloss Paschalia eine Schule daraus zu machen und mittlerweile gibt es 2 Klassenzimmer mit über 60 Kindern zwischen 3 und 10 Jahren (Pre-Primary/Kindergarten & Primary). Die älteren Kinder gehen auf eine weiterführende öffentliche Schule in der Nähe und bekommen trotzdem jeden Tag im Inua Mimi Rescue Center etwas zu essen. 18 Kinder schlafen zurzeit auch hier. Es gibt ein kleines Zimmer, in dem 10 Mädchen schlafen und ein Zimmer für die 8 Buben. Teilweise schlafen sie zu dritt in einem kleinen Bett. Raum zum Spielen gibt es keinen. Gegessen wird im Klassenzimmer. Gespielt wird auf der Straße. Paschalia selbst wohnt auch hier. Sie ist schon über 60 Jahre alt und "sehr müde", wie sie selbst sagt. Für die Kinder will sie jedoch weiter kämpfen.
Ich darf die Kinder unterrichten - neben Schreiben und Lesen halte ich eine Musikstunde in der Vorschulklasse - wir singen und tanzen gemeinsam. Sie lächeln mich an. Wenn ich die Kleinen so sehe, würde ich nicht vermuten, dass es Kinder sind, die in einem Slum aufwachsen. Bald sind Ferien - 2 Monate lang. Das ist die schlimmste Zeit für die Kinder, sagt Paschalia. Denn in dieser Zeit sind die Kinder den ganzen Tag auf der Straße und oft werden sie dazu verleitet Dinge zu tun, die ihnen schaden oder geraten in die falschen Hände (z. B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Diebstahl, Zwangsarbeiten verrichten, Menschenhandel, sexueller Missbrauch...).
Siehe dazu:
![]() |
| Paschalia und ich |
![]() |
| Schlafzimmer der Mädchen |
![]() |
| Die Küche |
![]() |
| Die Vorschulklasse |
Nach meinem Besuch in der Schule, führt mich Ben durch Kibera. Ich frage Ben, ob er findet, dass Kibera gefährlich ist. Er sagt, dass es für die Kinder am gefährlichsten sei. Aber im Grunde hat sich die Sicherheitslage schon verbessert. Er erzählt mir, dass die Community in Kibera so stark ist, dass, wenn jemand was stiehlt oder ein anderes Verbrechen begeht und jemand sieht es, der Täter sofort öffentlich bestraft und verbannt wird. Es gäbe auch ein Kinderschutzzentrum in Kibera. Nur Polizei sieht man selten und wenn, dann in zivil, um die illegalen Schnapsbrennereien ausfindig zu machen. Ben sagt, es gäbe auch Angehörige der Massai, die in Kibera wohnen. Diese seien besonders brutal, wenn es um Bestrafung geht. Begeht jemand eine Straftat kann es sein, dass sie diesem am helllichten Tag die Sehnen an den Fersen und die Pulsadern aufschneiden und ihn öffentlich ausbluten lassen. "Banden" gäbe es in Kibera keine, aber eine so starke Community, in der jeder auf jeden schaut und in der man auch gegenseitig für sich einsteht.
Einige seiner Freunde begegnen uns auf der Straße und sie begrüßen mich freundlich. Ein Mann kommt zu mir her und fragt mich wie es mir geht. Er sagt: "Karibu in Kenya!", was so viel heißt wie "Herzlich Willkommen in Kenia!". Ich fühle mich nicht unwohl während wir durch Kibera gehen. Teilweise ist es nur sehr, sehr dreckig und als wir durch die Gassen zwischen den Blech- und Lehmhütten gehen, rinnt ein Fluss aus Abwasser und Fäkalien neben mir her. Manchmal fällt es mir schwer zu atmen. Daneben spielen Kinder. Ich kann mir nicht vorstellen so zu leben, aber ich weiß auch, dass viele der Menschen, die hier leben, keine andere Wahl haben. Plötzlich kommen wir zu einem großen Fluss. Überall liegen Berge voll Müll. Ich sehe Schweine am Flussufer herumlaufen, daneben Kinder im Dreck sitzen. Mütter, die am Straßenrand Lebensmittel verkaufen. Ein Mann, der mich anbettelt und mir ein Foto von seiner kranken Frau zeigt. Eisenbahnschienen, die direkt durch den Slum führen und eine Teilstrecke der Zugverbindung zwischen Nairobi und Mombasa ist. Aber traurig ist der Ort trotzdem nicht. Es ist Leben auf der Straße, es gibt Frisörsalons, Kioske, Bekleidungsgeschäfte, Reperaturwerkstätten, Bars... sogar eine Bücherei soll es geben.
Es gibt in Kibera sogar Zimmer in Blechhütten zu mieten. In einer davon lebt Ben und er zeigt mir sein Zimmer. Es ist nicht sehr groß, darin steht nur ein Stockbett, ein TV, ein Bücherregal und ein Schuhregal. Unter dem Bett liegt ein Koffer - das ist sein Kleiderschrank. Ben, der mit seiner Mutter die Schule leitet, unterrichtet die Kinder in Tanz und Fotografie. Durch seine Fotos auf Instagram bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Die Kamera hat er von Volunteers zum Geburtstag geschenkt bekommen und seitdem träumt er davon, sich seinen Lebensunterhalt mit dem Fotografieren verdienen zu können. Ich finde, er hat großes Talent!
Nach einigen Stunden verabschiede ich mich und fahre mit dem Taxi zurück ins Waisenhaus. In Gedanken sehe ich aber immer noch die Bilder von Kibera vor mir und lasse das Erlebte Revue passieren.
![]() |
| Beim Unterrichten |
![]() |
| Auf den Eisenbahnschienen |
![]() |
| Der Fluss voller Abwasser und Fäkalien |
![]() |
| Blechhütten |
![]() |
| Ein Mann verkauft Kohle am Straßenrand |
![]() |
| Bemalung einer Blechhütte |
![]() |
| Eine Frau verkauft Getränke und Süßigkeiten am Straßenrand. Das Kind spielt daneben auf der Straße. |
Zum Schluss noch der Link zur Schule:
Aktuell werden dringend Spenden für den Bau eines stabileren Schulgebäudes benötigt. Da vor wenigen Wochen ein Schulgebäude in Nairobi zusammengestürzt ist und 7 Kinder und unzählige dabei verletzt wurden, sind die Behörden im Moment besonders streng, was das Konstrukt der Schulgebäude betrifft. Einerseits gut, andererseits nicht gut, weil dadurch viele Schulen, die sich den Umbau nicht leisten können, drohen zu schließen, was wiederum dazu führt, dass die Kinder auf der Straße landen. Durch eure Spende kann ein kleiner Beitrag zum Bau eines stabileren Schulgebäude geleistet werden!












Kommentare
Kommentar veröffentlichen